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Heraldisch-Genealogische Gesellschaft   Online-Datenbank der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft "Adler", Wien

    
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Peter Prokop: Die Tagebücher des Joseph Carl Rosenbaum (ÖNB SN 194- 204) - eine Arbeitstranskription.


Die in unserer Datenbank abgebildete Arbeitstranskription der in der Österreichischen Nationalbibliothek (Sammlung von Handschriften und Alten Drucken) in 11 Manuskriptbänden aufbewahrten Tagebücher des gräflich Esterházyschen Sekretärs Joseph Carl Rosenbaum (1770-1829) wurde vom Autor ursprünglich für private Zwecke als Findhilfe für architekturgeschichtliche Recherchen angefertigt, um das digitale Auffinden von Personen und Zusammenhängen zu erleichtern, die im Zusammenhang mit der Arbeit am „Architektenlexikon Wien 1770-1945“ relevant wurden.


Es handelt sich demnach lediglich um eine Findhilfe, keineswegs aber um eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Edition. Diesem Primärzweck entsprechend, weicht die Transkription vom Originaltext in folgenden Details ab:


- Rosenbaums biedermeierliche Schreibweise wurde modernisiert, seine Syntax jedoch weitgehend beibehalten; seine nicht immer eindeutige Interpunktation (mittels Bindestrichen) jedoch durch die heute gebräuchliche ersetzt.


- Innerhalb der einzelnen Tageseintragungen wurden die gelegentlich vorkommenden Wiederholungen ein und desselben Sachverhaltes zusammengezogen.


- Die von Rosenbaum ausgeschriebenen Wochentagsnamen wurden weggelassen, da mit dem Datum des jeweiligen Tageseintrags redundant. Dieses wurde im Format Jahr / Monat / Tag wiedergegeben. Die Bezeichnungen von Feiertagen wurden beibehalten.


- Die ab etwa 1816 stereotyp wiederkehrenden Notizen zum täglichen Wetter und zum jeweiligen Programm der Hoftheater und des Theaters an der Wien wurden an den Beginn des jeweiligen Tageseintrages gerückt.


- Bei Personennamen, deren Schreibweise bei Rosenbaum nicht selten variiert, wurde eine einheitliche und möglichst dokumentarisch belegte Schreibweise angewendet.


- Fragliche Lesungen von Personen-, Ortsnamen u. dgl. wurden durch nachgestellte Fragezeichen (?) gekennzeichnet, Rosenbaumsche Abkürzungen entweder ausgeschrieben oder ihre wahrscheinliche Ergänzung in eckige Klammern gesetzt.


Abgesehen davon wurde auf möglichste inhaltliche Vollständigkeit der Textwiedergabe geachtet. Kleinere Auslassungen und Tippfehler sind bei einer manuellen Eingabe von rund 9 Millionen Zeichen trotz aller Sorgfalt nicht ganz auszuschließen. Der Autor ersucht hierfür um Verständnis und allfällige Rückmeldung unter mailto:p.prokop@utanet.at  zwecks Berüchsichtigung in späteren Korrekturen.


Wer nun die wortwörtliche und buchstabengetreue Wiedergabe des Rosenbaumschen Originaltextes benötigt, wird zu den Manuskripten selbst greifen müssen, deren Digitalisierung von der ÖNB bereits in Angriff genommen wurde. Wem aber mit der raschen Auffindbarkeit von Personen, Orten, Sachbegriffen etc. gedient ist, ist eingeladen, sich dieser Ressource zu bedienen. Der Autor ersucht lediglich um Einhaltung der üblichen Zitierungsusancen (siehe obenstehender Titel oder abgekürzt, z B. in Fußnoten TBR + Datum des zitierten Eintrages, bzw. bei Einträgen ohne Datum mit Band und pagina).


Peter Prokop

Wien, im Februar 2016


  Lfd Nr Jahr Monat Tag Eintrag Referenz  
4290 1809 MAY 1 Früh regnete es etwas. Ein kalter, düsterer Tag. Im Burgtheater „Adelheid von Burgau“, Mlle. Krüger als Gefangene; im Kärntnertor-Theater „Beide Savoyarden“ und „Abdul“, im Theater an der Wien „Rochus Pumpernickel“ mit einem neuen Tirolerlied. Den ganzen Vormittag arbeitete ich zu Haus, schloss meine Kasse ab, schrieb meiner Mutter und sandte ihr Proklamationen. Lieh der Kunz 100 fl. Schlenderte herum, man spricht allgemein vom Aufgebot. Therese gab ihre Lektionen, Mittags war Brandl unser Gast. Nach Mittag kam Caroline und etwas später Werlen, welcher sich beurlaubte und als Kontrollor des Barons Brentano auf seine Herrschaft Tresdorf bei Korneuburg abreiste. Er nahm nichts, nicht einmal einen Mantel mit sich. Ich arbeitete, schrieb an Grafen, Gräfin, Keglevich, ging wegen Maler Er[hart ?] zu Peter, da brach so ein heftiges Donnerwetter und Regen aus, dass ich 3 fl. meinem Fiaker in die Stadt zahlen musste. Der arme Werlen, nur im Caput im offenen Kalesch, der wird ganz durchnässt ankommen ! Im größten Regen kam Hocheder, Caroline blieb auch und so unterhielten wir uns zusammen. Ich erzählte, dass FML Chasteler Fürst geworden und auch Güter eines Fürstentums erhalten, und dass Hiller mit dem großen Theresien-Orden geziert wurde. Der Fürst Esterházy ist noch bei der Armee. Graf Vinzenz schrieb durch einen Ulanenoffizier von Ehz. Carl aus Klattau. Band 06 (VI.), Seite 214r  
4291 1809 MAY 2 Ein kalter, rauer Tag. Früh arbeitete ich zu Haus, dann zu Quarin um ein Krankheitszeugnis. Im Burgtheater „Ehescheuer (?)“, „Porträt der Erbin“, im Kärntnertor-Theater „Waisenhaus“. Im Theater an der Wien zum ersten Mal „Otto der Schütze“, Schauspiel in 5 Akten von Hagmann (?); die Rivolla’sche spielt darin. Den Vormittag beim Grafen, Theaterkasse und Kárner. Aloys war unser Gast. Es heiterte sich aus. Nach Mittag schrieb ich an Grafen, Gräfin und Keglevich, und sandte ihnen den 14. und 15. Tagesbericht, Hauptquartier Katzenberg bei Cham am 25. April, welcher nur Details der vom 19. bis 25. April vorgefallenen Gefechte und sonst nichts von Bedeutung enthält. Ich ging zu Peter, es wurde Wasen gebracht und zu legen angefangen. Nachher zu Frey (?), expedierte meine Briefe und der Rivolla wegen mit Therese, Schmidt und Kollmann ins Theater an der Wien, wo wir uns recht sehr langweilten. Ich restaurierte mich während dem Stück bei Vogonedi. Band 06 (VI.), Seite 214r  
4292 1809 MAY 3 Trüb. Im Theater an der Wien „Otto der Schütz“, im Kärntnertor-Theater „Fremde“, im Burgtheater „Agnes Sorel“. Früh schrieb ich meiner Mutter und sandte ihr alle Neuheiten und Proklamationen, dann zu Stessel, Brandmayer und Liebisch. Therese gab ihre Lektionen. Dem jungen Demmer seine Frau Sophie tritt heute zum ersten Mal im „Fremden“ als Frau des Hauptmanns Wartendamm auf. Aloys war unser Gast, nach Mittag schrieb ich dem Grafen, der Gräfin, dann in Peters Gesellschaft, wo das große Wasenlegen um Rooses Monument war. Ich schrieb die Inschriften in der Grotte, um selbe dem Bschaidner am Sonntag vorzulegen. Gegen Abend kamen Jungmann, Ullmann und Czaczek, wir sprachen bis gegen 8 h, von dem Anbot der bürgerlichen Kavallerie, im Felde zu dienen, welches der Kaiser mit Rührung verbat. Ich fand zu Haus die Hocheder, Schmidt und Martin, wir deliberierten über unsere düstere Lage. Band 06 (VI.), Seite 214r  
4293 1809 MAY 4 Trüb, warm. Eröffnung des Augartens und des neu mit viel Geschmack hergerichteten Konzertsaales. Im Burgtheater „Machtspruch“, im Kärntnertor-Theater „Entführung aus dem Serail“, junger Demmer als Pedrillo; im Theater an der Wien „Der lustige Schuster“ Früh mit Mafficioli zu Brandmayer, dann in den Augarten. Mit wahrem Vergnügen sahen wir den sehr schön möblierten Saal. Es waren nicht viele Menschen. Wir promenierten auf und ab und nahmen ein Déjeuner à la fourchette, eine Portion Bratwürstel kostet 24 x, eine kleine Seitel-Bouteille Österreicher 45 x. Dann suchten wir den Gärtner Neuberger und sahen die Orangerien des Augarten samt den Treibereien. Von da zum Peter in sein Gärtchen, zum Kárner, von dem ich Abschied nahm, der morgen samt dem Fürsten nach Eisenstadt emigriert. Der Fürst kam gestern früh aus Strengberg und reiste am Dienstag mittags da ab, als eben der Kurier kam, dass Hiller den Bessières angreifen und aus Österreich drücken will. Heute reisen die Kaiserin, Leopoldine und Louise nach Ofen und Rudolph nach Brünn, dann nach Olmütz ab. Alle Russen samt dem Gesandtschaftspersonale müssen Wien verlassen, eben auch alle Fremden. Die Kassen werden geschlossen und am ersten Wink zur Abreise bereit behalten. Der spanische, englische und sizilianische Gesandte sind nach Krems, wohin auch der Kaiser kommt, um da Konferenz zu halten. Vom Magistrat sind 1000 Mann zum Schanzen verlangt worden; verzweiflungsvolle Lage ! Mittags allein. Unterm Essen kam die rekonvaleszierende Josephine Goldmann, die Killitschky (?) wegen Arien und Czaczek, um ihren ersten Besuch zu machen. Ich las, arbeitete, schrieb an Grafen, Gräfin und Keglevich, blieb immer zu Haus und trank mit Goldmann russischen Tee. Abends kamen Mafficioli, die Hocheder und Schmidt. Nach Mittag regnete es und hielt den ganzen Abend an. Therese musste der Terzaghi einen Besuch machen. Band 06 (VI.), Seite 214v  
4294 1809 MAY 5 Kalt. Früh arbeitete ich, dann zum Stessel, der auch heute abreist, dann in das Haus des Grafen, von dem ich sehnsuchtsvoll einen Brief erwarte. Im Burgtheater „Ostade“, „Weinlese“, Im Kärntnertor-Theater „Rettung für Rettung“, im Theater an der Wien „Rochus Pumpernickel“, im Leopoldstädter Theater „Haus in Wien“ Schenk (?) vom Neuling kam von Kassel und erzählte, dass am 23. und 24. April allda ein Bauernaufstand gegen den König Hieronymus unter Anführung des Gardeobristen Dörnberg ausbrach, der nicht ganz unterdrückt werden konnte, dass die Königin entkam und er im Palaste sich befindet, von Garden und Wachen mit gespanntem Hahn bewacht. Wenn dies nur von Folgen wäre ! Der König erließ eine Proklamation, worin der die Kasseler um Beistand auffordert und den Dörnberg für infam erklärt. In und um Wien schanzen mehr als 10.000 Menschen, jeder erhält 1 fl., Brot und Einquartierung. An den Toren werden die Mauthäuser, Wachstuben, Werkstände, im Stadtgraben die Magazine, Laboratorien und dergleichen abgebrochen und geschleift. Beim Roten Turm siehts gräulich aus. Auf den Basteien werden die Brustwehren erhöht und Kanonenbetten aufgeworfen. Ich schlenderte vor Mittag mit Peter herum, die Brandlische und Röckel waren unsere Gäste. Nach Mittag ging Therese mit ihr und Hocheder zum Roten Turm, um eben bayrische und französische Offiziers zu sehen, welche in Tirol gefangen wurden und sie auf die Wachtstube brachten. Ich schrieb den ganzen Nachmittag an den Grafen, von dem ich auf einmal 2 Briefe und um 9 h abends eine Estaffette erhielt, an die Gräfin und Keglevich die vollständigsten Tagesberichte. Die Hocheder und Schmidt waren den Abend bei uns. Therese war bei Terzaga. Band 06 (VI.), Seite 214v  
4295 1809 MAY 6 Ein rauer, kalter düsterer Tag. Im Burgtheater „Faniska“, im Kärntnertor-Theater „Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person“, im Theater an der Wien „Götz von Berlichingen“. Um 7 h ins Quartier zum Grafen, um zum Packen und Fortsenden alle Anstalten zu machen. Nach Mittag expedierte ich alles noch hier befindliche, Silber, Porzellan, Wäsche, Garderobe etc. über Seibersdorf nach Preßburg, dann ging ich auf den Straßen herum. Unser Hauptquartier ist in St. Pölten. Hiller retiriert sich ohne zu schlagen. Die Franzosen sind schon seit 2 Tagen in Linz und rücken immer näher gegen Wien. Der Kaiser soll über Budweis nach Ungarn gehen. Ehz. Maximilian erließ heute eine Proklamation, dass alle schon gedienten Offiziers sich zur Annahme neuer Dienste bei der Verteidigung der Stadt Wien nach Mittag 4 h beim Generalkommando melden sollen. Mit der größten Anstrengung wird alles zur Verteidigung Wiens veranstaltet. Alle Magazine in den Stadtgräben, selbst das Theaterlaboratorium wurden heute schon abgebrochen. Auf den Basteien wird schweres Geschütz aufgeführt. Bei der Hauptmaut auf der Bastei wird das Pflaster aufgebrochen und das Tor vermauert. Beim Burg- und Kärntnertor wird von den Brücken das letzte Joch an die Stadtmauer abgebrochen und die Tore gesperrt. Die Proklamation vom Maximilian vom 6. Mai wegen Organisation des Landsturms auf dem flachen Lande, und Benennung der Sammelplätze, erschien heute. Mittags wegen dem Maler Bschaidner, der heute die Grotte zu malen begann, bei Peter, der Regen trennte die Gesellschaft. Ich schrieb an Grafen, Gräfin und Révay nach Spacza über Tyrnau. Abends im Leopoldstädter Theater zum ersten Mal „Die schöne Melusine“, Oper in 3 Akten, von Gottdank, Einnahme des Tuczek, leeres Haus. Ich unterhielt mich mit Stadler vom Staatsrat, Pfändler (?) und Hensler, welcher sehr ängstlich und wirklich in einer harten Lage ist. Band 06 (VI.), Seite 215r  
4296 1809 MAY 7 Die ganze Nacht und Tag kalter Regen, heftiger Wind, in den Gebirgen fällt Schnee. Zu unseren Tagen der Gefahr gesellt sich noch das schlimme Wetter. Proklamation von Ugarte wegen Verproviantierung der Stadt. Die italienische, St. Anna- und Franziskanerkirche wurden heute gesperrt und zu Magazinen verwendet. In dem Landsturm-Patent ist befohlen, dass sich jeder mit Waffen aller Art, dann in Ermanglung dessen mit Sensen, Sicheln, Prügeln, dann mit Brot auf 5 Tage und sonstigen Lebensmitteln versehen soll. Alle Tore, außer Stuben- und Rotenturm-Tor, werden geschlossen und verrammelt. Auf den Basteien werden meistens 36pfündige Kanonen aufgeführt. Heute hielten wir auch Institutssitzung, bei welcher ich 2000 fl. zur Einlegung in die Instituts-Hauptkasse übergab. Im Burgtheater „Wald bei Hermannstadt“, im Kärntnertor-Theater „Ostade“ und „Abdul“, im Theater an der Wien „Der lustige Schuster“. Wanzmann erzählte, dass vom Theater alle Gewehre, Lanzen, Hellebarden, Säbel abgefordert wurden. Jean kam auch voll Angst und bat um Mehl für die Feigl. Ich ging zur Terzaghi, um sie zu trösten. Therese aß allein, ich machte mich in Peters Gesellschaft, um zu sehen, ob Bschaidner heute male, er erschien aber nicht und wir speisten in Jungmanns Gesellschaft allein. Am Eck der Leopoldstadt war das Patent vom Landsturm angeschlagen. Auf den St. Stephans-Platz wird das Bauholz gelegt. Die Parteien der oberen Stöcke an der Bastei sollen ausziehen. Ich machte trotz dem Sturm die Tour auf die Bastei und fand die Mörser, Bombenkessel und meisten Kanonen noch auf den Wägen. Im Prater ist ein Verhau und an der Franzensbrücke sind grimmige Brückenköpfe errichtet. Wir sahen beim Schanzl das Salzbeamten-Haus schleifen. Nach 4 h nach Haus, auf der Brücke begegnete ich dem Maximilian und Suite, er will gegen den Prater. Die Flucht dauert ununterbrochen fort. Der Markt ist mittels Dekret aufgehoben. Das Gewühl von fliehenden, ausziehenden und rettenden Menschen ist außerordentlich. Ich schrieb an Keglevich und meine Mutter. Der Fürst echappierte abends nach Eisenstadt, und da mir Stuppan die Nachricht brachte, dass die Franzosen wegen Anschwellen der Enns und Donau im Vordringen aufgehalten sind und Hiller sich mit Carl vereinigte, so schrieb ich auch der Gräfin. Heute waren die Hausfrau, Hocheder – welche mit Nagy beschlossen hat, nach Ofen und weiter nach Debreczen zu reisen – dann die Caroline, welche mit der Mnischek (?) nach Frain reiset, bei uns und nahmen Abschied. Nun ist alles unserer Gesellschaft getrennt. Werlen nahm schon am 1. nach Tresdorf Abschied und wir bleiben allein hier. Band 06 (VI.), Seite 215r  
4297 1809 MAY 8 Ein kalter, rauer, düsterer Tag. Im Burgtheater „Porträt der Erbin“, „Hass allen Weibern“, im Karntnertor-Theater „Heftige junge Frau“, nachher „Eifersüchtige“, im Theater an der Wien „Otto der Schütz“. Noch waren wir im Bette, als Caroline kam, und nochmals Abschied nahm, nach ihr Bayer, welcher mich für sich, seine Frau, Wiesinger (?) und Fischer um Quartier ansprach. Ich schrieb Reimann um unsere neuen Sesseln und Canapé, weil ich unsere für 40 fl. an Mafficioli verkaufte, schrieb an Révay, ging zum Brandmayer. Beim Generalkommando sah ich das Landsturm-Patent der Stadt und Vorstädte Wiens angeschlagen, vom 7. September 1809, Maximilian: Die Städter sollen sich beim Magistrat, die Vorstädtler bei ihren Grundrichtern melden und für 4 Tage mit Brot versehen. Kaiserliche Offiziers werden sie anführen. Bei Brandmayer hörte ich, dass die Fürstin Schwarzenberg, welche gestern abreisen wollte, ihre Reise nach Petersburg ganz abstellte. Nun sind die Aspekte mit Russland trübe. Das Abbrechen der Hütten, das Ausziehen so vieler Personen, die Flucht, das Räumen der Vorstädte in die Stadt, die Abreise so vieler Menschen, die Verproviantierung der Stadt und des Militärs, welche als Besatzung kommt, das Einführen der Fourage, die Arbeiten bei allen Toren, die Sperrung und Hemmung der Passage bei mehreren Toren, alles dies macht eine Verwirrung und ein Gedränge, dass man es selbst sehen muss; beschreiben lässt es sich nicht. Mit Bayer ins Quartier zum Keglevich und installierte ihn mit Frau, Schwiegermutter und Tante Fischer. Aloys speiste mit uns. Nach Mittag schrieb ich an die Gräfin, dass unser Hauptquartier heute in Perschling sein soll, bis Donnerstag dürfte selbes ziemlich vor Wien kommen. Der alte FML Unterberger ist Festungskommandant und FML Devost (?) Direktor des Geniewesens. Mit Therese, Goldmann Therese, und Mafficioli gingen wir über die Bastei vom Burgtor bis zum Roten Turm, sahen das Aufführen der Artillerie, begegneten Hocheder mit Tschebulz und Goldmann Josephine, nahmen von ihr Abschied, dann die Mama und Nina. Als wir an der Donau zur Franzensbrücke gingen, trafen wir noch Castelli und Hasslinger (?), welche eben mit dem Banco-Personale und der Bancozettel-Druckerei in einem Kelheimer abzufahren im Begriffe waren; auch von diesen nahmen wir einen scherzhaften Abschied. An der Franzensbrücke wird noch immer an Verhauen, Aufwerfen von Sandsäcken und Faschinen und dreifachen Verschanzungen gearbeitet. Im Prater selbst ist der schöne Garten der Kaiserin, die schönsten, gesündesten Bäume niedergehauen. Gestern waren sie schon bis zum Ende des Gartens gekommen. Fürchterlich ist der Umsturz so gesunder, starker Bäume. Die ganze Breite des Praters, von der Praterstraße angefangen, nämlich von der Tabor-Allee bis zur Franzensbrücke, wird eine Verschanzung gemacht. Schauerlich sieht das Ganze aus. Von da zum Peter. Ich schrieb noch das Geschehene in meine Briefe, wir tranken Kaffee, die anderen Bier, sahen dem Bschaidner nach. Bediente ihn und Günther (?) mit Wein, räsonnierten und deliberierten, lasen den Aufruf des Ehz. Maximilian, dass Wien verteidigt und er bis zum letzten Augenblicke gegenwärtig sein wird, samt einer Menge erhebender Ausdrücke. Nach 8 h zu Haus. Unsere tägliche Gesellschaft ist fort. Therese und ich saßen allein und begaben uns zeitlich zur Ruhe. Band 06 (VI.), Seite 215v  
4298 1809 MAY 9 Endlich einmal ein schöner Tag. Therese ging um 6 h beichten, ich an meine Arbeit und schrieb in einem langen Briefe die Inschriften des Tages dem Inspektor Janko (?). Das Kärntnertor-Theater ist geschlossen, im Burgtheater „Jugend Heinrichs V.“ und „Amors Bild“, im Theater an der Wien „Der lustige Schuster“, im Leopoldstädter Theater „Die schöne Melusine“. Um 7 h kam der Hofkonzipist Bayer, und sagte, ein Bedienter sei vom Keglevich mit der Jungfer gekommen und der Graf käme heute, sie müssten das Quartier räumen. Ich machte Anstalten, um sie in unserem Quartier einzulogieren, ging ins Loprestische Haus, sprach mit der Franzl (?) und Scheich (?), und hörte, dass es nur Mutmassungen sind. Sie blieben also ruhig in ihrem Quartier; bei dieser Gelegenheit sprach ich die ganze Familie. Der Carlo kam von Ács mit einem Brief der Beatrix an ihren Sohn Maximilian, diesem gab ich einen Brief an den Grafen mit. Den Grafen verließ er in Ács. Wiesinger ritt mit Maximilian und Suite, rekognoszierte gegen Hütteldorf, da kam ihnen ein Offizier mit der Nachricht entgegen, die Franzosen seien auf dem Riederberg, eine Stunde außer Purkersdorf. Auf diese Nachricht wurde die prächtige, so kostspielige Franzensbrücke angezunden, als selbe brannte, mit Kanonen darein geschossen; dieses schöne Werk ist schon zerstört. Mittags war die Jungfer der Keglevich unser Gast, die nach Mittag mit dem Silber und allen Pretiosen abreist. Therese ging nach Tisch zu Peter und nahm beide Goldmann mit, um Peters Gärtchen vielleicht zum letzten Mal zu sehen. Ich zeigte dem Kassier Huber seine Wohnung im gräflichen Quartier, machte Anstalten zu den Möbeln der Fischer und ging über die Bastei zum Roten Turm, zur Franzensbrücke, sah selbe brennen, dann zu Peter. Es ist grässlich, alle diese Zubereitungen zu sehen und sich den Gedanken einer Belagerung zu denken. Die Reitschule ist zu einem Spital umgeschaffen. Mich begleitete Kämpfler (?), vor der Franzensbrücke traf ich Brockmann und Gewey, mit diesen in den Prater, die Fortschritte der Verschanzungen und Verhaue zu sehen. Mit Kämpfler allein zu Peter, korrigierte die Inschriften und gab dem Bschaidner noch so Manches an. Um 7 h zu Haus. Das große Rotenturm-Tor ist gesperrt und die Verwirrung groß. Therese, die Hausfrau und ich saßen zu Haus, als ich gerufen wurde, weil der Graf angekommen. Ich eilte hinüber, er fragte um alles Geschehene und wollte erst morgen abreisen. Ich riet ihm solches schon in der Nacht zu tun, weil die Feinde so nahe sind, dass sie morgen gewiss Wien umzingelt haben. Ich fuhr zum Brandmayer, tauschte ein anderes Kalesch und nahm Meithrath (?) mit. Die Brandmayer jammerte mir erschrecklich fort und fort vor, dass ich froh war, los zu werden. Um 5 h zum Wiesinger, um zu sehen, ob sie eingezogen sind, dann über die Bastei. Auf allen Seiten wird im Fackelschein gearbeitet und die ganze Bastei mit Militär und Bürgerschaft umgeben. Um 11 h fuhr der Graf weg. Band 06 (VI.), Seite 216r  
4299 1809 MAY 10 Ein schöner Tag, schon staubt es außerordentlich. Alle Theater sind geschlossen. Im Burgtheater wurde zwar „Leonore“ angeschlagen, aber nicht gegeben. Erscheinung der Franzosen vor den Mauern Wiens, das ist der Stadt selbst. Um 5 h war schon der Alarm, die Franzosen zeigten sich in den Vorstädten. Um 6 h eilte ich über den Graben zur Burg und auf die Bastei und zum Kärntner Tor. Albert vom Fürsten und ein paar Kaufleute waren mit mir. Auf dem Graben standen Liechtenstein-Husaren, etwas Chevauxlegers, auf der Burg österreichische Landwehr. General Mészáros machte einen Ausfall und nahm einige 60 solcher Waghälse gefangen. Sie kamen über die Laimgrube herab, zeigten sich beim Kaffeehaus, gaben einige Schüsse ab, da wurden sie gleich von der Burgbastei, Paradeplatz mit einigen Kanonenschüssen begrüsst. Sie retirierten sich ins Kaffeehaus und in die Steinmetzhütten. Ein bürgerlicher Kavallerist – er ist ein Pferdehändler – verwehrte ihnen beim Kadettenhaus mit seinen Söhnen und Leuten den Rückzug und so entkam kein Mann. Vier Buben, nur mit Stangen bewaffnet, liefen einem Chasseur nach, der sich mit seinem Säbel tapfer wehrte, um sich zu retten, aber vom nämlichen Buben, dem er in die Hand hieb, gefangen wurde, da er dem Pferde in die Zügel fiel und 2 andere Buben ihn vom Pferde rissen. Ein Offizier wurde auf der Glacis in den Kopf gehauen und verwundet, nebst mehreren anderen in die Stadt geführt. Er verband sich mit seinem schwarzseidenen Halstuch den Kopf und will Chapeaubas. Den Lagrange (?), welcher bei der Gesandtschaft hier war, nahmen sie auch gefangen. So wurden also vor Mittag, und gerade noch früh, die ersten Kanonenschüsse feindlich abgebrannt. Ein paar Stunden war ich auf der Bastei, sah der Affäre ganz zu, dann der Einquartierung nach, plauderte mit Haim, zum Peter hinaus, holte meine Diana und sah Schiffe zerhauen. Bei den Toren wurden nur wenige Personen eingelassen, hinaus fast nur Weiber. Es war schon Mangel an Brot und Fleisch. Therese, Aloys, dann gesellte sich auch Michel dazu, teilten auf dem Graben unter den Chevauxlegers und Liechtenstein-Husaren, dann auf dem Burgplatz unter der österreichischen Landwehr Slivovitza und Wein. Es war ein großes Vergnügen, diesen armen Leuten zu geben. Richart, welche ich am Graben herumgehen sah, will am Nachmittag in die Josephstadt zur Hauptmann Pehaker (?), Schwägerin der Zimmermann, gehen. Mittags allein, nach Tische zur Rodler, welche ich nicht zu Hause fand. Dann auf die Bastei, auf den Boden des Loprestischen Hauses, wo ich alles übersah, aber keine Franzosen. Es wurde von Zeit zu Zeit kanoniert, um die Richtung der Kanonen zu sehen. Unter dem Militär waren wenig Bewegungen. Hauptmann Haratauer (?) kam von Hiller, als Kurier, dass die Vereinigung mit Ehz. Carl geschah und letzterer bis Donnerstag bis Enzersdorf und auch am Spitz sein kann. Am Tabor ist ein großes Lager ausgesteckt. Die Rossauer Donaubrücke wurde heute früh samt den Magazinen im Stadtgraben verbrannt. Der Landsturm zeigt sich in voller Größe, alles ist bewaffnet, selbst Weiber und Mädchen haben Spiesse und Hellebarden, und Buben laufen mit Gewehren herum. Unser Zuckerbäcker Obermayer ist auch dabei. Die Stimmung erhält sich noch immer. Ein Patent wurde angeschlagen, wegen Folgeleistung von allen denen, welche mit weiß und roten Schärpen versehen sind, und eine Aufforderung vom Magistrat, wegen Wegbringung von Munition. Im Loprestischen Haus ging ich auf’s Dach, noch abends, man sah aber nichts als ihre Wachtfeuer. Alle Vorstadthäuser sind geschlossen und die Inwohner haben den Befehl, sich ruhig zu verhalten. Die Franzosen dehnten sich nur in den Vorstädten M[aria]hilf, Josephstadt, Lerchenfeld und einem Teil von der Wieden aus, in den anderen ließen sie sich nicht sehen. Beim Theater an der Wien und der Laimgrube ließen sich öfters welche sehen, wurden aber immer begrüsst. Ich ging mit der Goldmann herum, war aber meistens zu Haus. Auf der Kärntnerstraße sprach ich die Karilla, welche gestern in die Kaiserkrone in der Rauhensteingasse gezogen ist, machte eine Tour über den Hohen Markt, Lichtensteg, sah da auf freier Straße Ochsen und Kühe schlachten. Dann nach Haus, um 9 h ins Bett. Um 11 h hörten wie kanonieren. Einige Franzosen wagten sich bis an die Stadttore; es wurde auf sie gefeuert. Dies bewog die Studenten auf dem Wall, ihr Mütchen zu kühlen und auch zu feuern, und erschossen und verwundeten auf unserer Batterie mehrere Artilleristen und Landwehrmänner. In der Nacht hörten wir öfters feuern. Band 06 (VI.), Seite 216v  
4300 1809 MAY 11 Christi Himmelfahrt. Der Horizont ist nicht ganz rein, doch sehr warm. Den Morgen und Vormittag wurde immer von uns kanoniert, auch in den Vorstädten und nahe an selben wurden einige Schüsse gehört. Früh schrieb ich, auch meinem Grafen. Alle Theater sind geschlossen. Mein erster Gang war zum Burgtheater, da erzählte mir auf dem Bankl Huber, Baron Kienmayer und Hiller erwarte man alle Augenblicke. Sie kamen auch wirklich gleich nach ½ 4 h, Ehz. Carl wäre gestern hier gewesen, und seine Armee käme heute und morgen. Von da auf den Boden des Kärntnertor-Theaters. Leere Glacis, manchmal zeigt sich ein Franzose und gleich wird auf ihn gefeuert. Neue Batterien werden aufgeführt. Heute bekam die Sepherl nur eine Semmel. Heute wurden 3 Zirkulare angeschlagen: eines, um sich ruhig, besonders nachts, im Belagerungszustand zu erhalten, dass alle öffentlichen Gast-, Kaffee- und andere Zusammenkunfts-Häuser um 9 h geschlossen sein müssen; dann dass man sich im Drange der Umstände wegen Brot mit dem Bedarf begnügen und nicht vorkaufen möchte, weil Brot hinlänglich vorhanden und nur eine augenblickliche Stockung entstand, weil die Vorstadt-Bäcker nicht ihre Läden versehen konnten; endlich, dass alle, welche gestern Waffen ergriffen, sich nach Mittag 2 h zur Einteilung und Bestimmung ihrer Plätze im Augarten einfinden sollten. Mit Haim und Stabl zur Hauptmaut-Brücke, Roten Turm. Am Lichtensteg wurden gerade wieder Kühe geschlachtet. Mittags allein. Unterm Essen wurde von der Kärntner-, Burg- und Schottenbastei auf die kaiserlichen Ställe – aus deren 2. Stock schossen die Franzosen eine Kanone auf unsere Burg und zündeten einen Wollsack an – und in die Glacis und Roveranigasse fürchterlich mit wenig Pausen gefeuert, und auch Bomben geworfen. Eine Bombe zerplatzte am Stallgebäude und schleuderte Stücke auf den Burg- und Josephsplatz, wovon sich der Architekt Pichl ein Stück aufbewahrte. Die kaiserlichen Ställe und der Gardehof, in welchen man vermutet, dass die Franzosen Batterien errichten, sind sehr beschädigt. Ich ging mit Mahr (?) auf den Burgboden und sah diesem grässlichen Schauspiel zu. Ein herzerhebender Anblick war es, als FML Baron Kienmayer um ¾ 4 h mit seinen Grenadieren in die Burg zog, Die Bürger, Landwehr und ein Regiment Infanterie paradierte. Alle Trommeln wurden gerührt, ein allgemeines Vivat-Rufen übertönte den Donner der Kanonen. Er ritt auf die Bastei und zum Maximilian ins Kriegsgebäude. Heute Nacht wird es heiß hergehen. Man hofft auf einen Ausfall und Gefecht in den Vorstädten. Bei Therese dann den Nachmittag die Goldmann und Rosalie. Abends marschierte alles Militär außer den Rekruten wieder zum Tabor hinaus. Ich schlenderte unruhig in der Stadt herum, war beim Wiesinger, die mich unbedingt beim Souper haben wollten, blieb aber nicht. Ging um 9 h nach Haus um etwas zu essen, da begann das fürchterlich grässliche Schauspiel. Es war kaum ¼ nach 9 h, so fingen die Franzosen aus 6 Haubitzen hinter den kaiserlichen Ställen auf der Anhöhe unter den Bäumen die Bombardierung an und feuerten heftig bis 12 h, dann weniger bis 3 h. Es fing zu dämmern an und sie hörten auf. Unsere Batterien feuerten sehr wenig, denn sie konnten nicht wirken, die Franzosen waren von den Gebäuden geschützt. Der Schaden ist außerordentlich. Die ersten Haubitzen zündeten gleich das Stögerische, ehemals Pilatische Haus, das Trattnerische, Schlossergassel, Kromsische (?) Kaffeehaus, die Brandstatt, dem Mafio(?) gehörig, und das Haus eines Juden hinter der Säule an, später Puchbergs Hotel garni, später alle Häuser in unserer Gasse, wovon am Kaisersteinischen das Dach abbrannte. Schrecklich waren all die Brände zu sehen. Am meisten litt das Johann Pálffy’sche Haus in der Wallnerstraße, welches ganz abbrannte, und rückwärts gar durch 2 Stöcke durchbrannte, dann das Stögerische Haus, wo der arme Rohrweck wohnt, der auf dem Boden und in den Zimmern des 4. Stocks sein ganzes Warenlager hatte und alles einbrannte. Um 12 h machten vom äußeren Burgtor ein paar Kompanien unserer großen Landwehr einen Ausfall, wurden aber nicht unterstützt. Trieben die Franzosen bis in die Breite Gasse des Spittelberges, mussten dann rückkehren. Die Franzosen wagten sich in der Nacht mit Kavalleriegeschütz bis an die Tore, um selbe einzuschießen, wurden aber versprengt. In dieser Nacht geschah viel Unglück; die arme Stadt litt sehr, weil niemand darauf vorbereitet war, niemand sich dieses Unglück dachte. In ganzen Straßen blieb kein Fenster ganz, kein Haus unbeschädigt. Fensterstöcke, Dachfenster, Stücke von Gesimsen liegen auf der Straße. Man kann vor Glasscherben gar nicht gehen. Bei uns waren alle wie sinnlos und flüchteten sich in den Keller; da lernte ich erst unsere Parteien kennen: Frau v. Hemberg (?), mit Hr. v. Werner, Hr. v. Gorgos (?), Sekretär bei einem Harrach, mit seiner ältlichen Gattin, die sich den 2. Mann nahm, die Schneider (?), ein Schauer (?) mit 2 Kindern, eine alte und eine junge Jungfer bei Hemberg, dann war im äuseren Keller das ganze Dienstpersonale des Hauses. Der Jammer, das Winseln und Geschrei vom ganzen Hause war beispiellos und würde auch den gefasstesten Mann erschüttert haben. Ich hatte nichts als meinen leichten Schlafrock, es fror mich, ich ging in unsere Wohnung um Hut und Nachtleibl, und nahm meine Uhr mit, weil niemand eine Uhr hatte. Da fand ich schon Malter und einen großen Mauerziegel auf unserem Gang. Ich konnte schwer unsere Türe öffnen. Mit tausend Trostgründen und Erzählungen suchte ich die jammernde Schar von Zeit zu Zeit etwas zu beruhigen. Oft wurde unser Haustor von Bürgerpatrouillen angeschlagen und zum Feuerlöschen aufgefordert. Ich ging von Zeit zu Zeit auf die Straße, den Graben, um nachzusehen, wie weit diese verheerenden Flammen greifen und wie unser Haus zu retten sei. Im 5. Stock schlief der Schneider und sein Geselle, von Mattigkeit und Wein benebelt; beim Feuerlärm erwachte er doch. Ich nahm alle Leute zusammen, um Wasser zu tragen, ließ die Frauen Leitern und Hacken hinaufziehen und so wurde unser Haus erhalten. Wunderbar ist es auf dem Graben zwischen dem Trattnerhof und dem Judenhaus, erhielt sich das alte Raabische Haus, mit Schindeln gedeckt, worin die Hocheder wohnt. So wurde denn diese Schreckensnacht überstanden. Um 3 h räumten wie erst, durch andere verleitet, in der Furcht einer künftigen noch schrecklicheren Nacht Wäsche, Kleider und Betten in den Keller. Ich protestierte gegen diese unnütze Vorsicht, ließ es aber doch geschehen. Mafficioli war bei seiner Mutter, kam um 3 h nach Haus. Ich machte im Keller Toilette und ging mit ihm durch die ganze Stadt, um alle Gräuel der Verwüstung zu sehen. Die Franzosen forcierten in der Nacht im Prater den Übergang über die Donau; ein Bataillon Landwehr stellte man ihnen ohne Unterstützung, ohne Kanonen entgegen. Um 11 h ritt der Maximilian mit Suite in den Prater, ließ selbe warten und er flüchtete über die Brücken. Der Graf Chotek reiste ab und Freiherr Jakob v. Wöber wurde provisorischer Hof-Kommissär. Band 06 (VI.), Seite 217r  
4301 1809 MAY 12 Ein warmer Tag, unmäßiger Staub. Wien kapituliert. Früh und den ganzen Tag freute man sich, seine Bekannten zu finden. Viele Personen wurden beschädigt und getötet, selbst unsere Kanonen richteten viel Unheil an. An Möbeln und sonstigen Schäden litten die meisten unserer Bekannten. Außer einzelnen Plünderungen, Exzessen und dem Schaden von uns, sind die Vorstädte gut davon gekommen. Die Stände, der Fürsterzbischof, der wegen der Spaniengeschichte einen Verweis erhielt, und Max Dietrichstein an der Spitze, der Magistrat und von jedem Bürgercorps einige gingen zum General Andreossi (?) General-Gouverneur von Österreich, welcher im Kaunitz-Garten wohnt, und von da fuhren sie nach Schönbrunn zum Kriegsminister Berthier. Dieser meldete sie beim Napoleon, der eben im Garten frühstückte. Er kam ihnen mehrere Schritte entgegen, empfing sie anfangs sehr gnädig und gewährte ihnen vollkommene Sicherheit der Person und des Eigentums. Übrigens blieben unsere Bürger unter Waffen, die Soldaten, es sind außer Artillerie nur ein paar tausend Rekruten hier, sind kriegsgefangen. Auch von der Landwehr bekamen sie etwas, die meisten machten sich durch Zivilisierung frei, auch vom Militär gelang es vielen. Früh wurden noch von uns die 3 Tabor-Brücken alle, und auf den Grund abgebrannt. Der Erfolg ist klein, denn wir werden selbst sie wieder aufbauen müssen. Mittags wurde nach beschlossener Kapitulation auf der Rotenturm-Bastion die weiße Fahne aufgesteckt. Umlauf, Peter und ich sahen diesem Spektakel zu. In dem Stadtgraben der Hauptmaut ist etwas Wasser, da hinein warf man alle spanischen Geschichten, Korrespondenz des Papstes, alle Lieder Collins, und sonstigen Gelegenheitsschriften, welche ohne so vieles Aufsehen weit besser verbrannt hätten werden können. Der ganze Stadtgraben war übersät, ballenweise wurden sie zugeführt Dann wurden dem Volke alle Artillerie- und alle Munitionskarren und sonstigen Gerätschaften in dem Stadtgraben und auf den Wällen, alles Bauholz von abgerissenen Gebäuden, Hütten und Magazinen, dann auch bei den Toren, endlich die zu den Bastionen die von den Kaufleuten requirierten Baumwollsäcke, wovon einer 6, 7, auch 800 fl. wert sind, preisgegeben, auch alle Armatur- und Monturstücke, deren Quantität sehr bedeutend war. In der Leopoldstadt teilte man ein Salz- und Mehlmagazin unter das Volk. Unerklärbar ist die Schnelligkeit, mit der alles gesammelt, vertragen und verschleppt war. Die elegantesten Menschen nahmen und trugen. Zum Erstaunen war es, wie man Buben und Weiber, große Mauerbänke, Dippelbäume, Artillerielafetten und mehr dergleichen schwere Gegenstände fortschleppen sah. Den ganzen Tag brannte es im Stögerischen, Juden- und Trattnerhaus, beim Pálffy ist gar nicht zu löschen und den ganzen Tag hörte man immer nur kanonieren. Man erzählt sich, Hiller sei geschlagen und Carl abgeschnitten. Dies lässt nichts Gutes mehr erwarten, die Monarchie ist zertrümmert. Früh wurde unter der Unterschrift der Freiherrn von Wöber angeschlagen, dass alle, welche zum Landsturm gestern Waffen erhielten, aufgelöst sind und bis 3 h nach Mittag über schärfste Strafe alle wieder ins bürgerliche Zeughaus abgeben sollen. Dann erschien abends, die Truppen des Kaisers Napoleon werden einrücken; sie sind aber so tapfer im Kriege, als sie menschlich gegen friedliche Einwohner sind, dann, dass Person und Eigentum auf das feierlichste verbürgt sind. Dass man selbe gut bewirten soll, und dergleichen. Mittags allein. Ich wollte von der Angst und den Fatiquen ruhen, konnte aber nicht, sondern die Unruhe und Besorgnis trieb mich den ganzen Tag herum, mit Mafficioli, Peter und Umlauf. Abends trank ich in Compagnie Bier, restaurierte mich zu Hause mit Zunge und Kalbschlegel, und so schlief ich dann ein, aber nicht lange ließ mich der Gedanke des unübersehbaren Elends so vieler Menschen schlafen, denn da die Folgen gar nicht zu berechnen sind. Band 06 (VI.), Seite 218r  
4302 1809 MAY 13 Ein warmer Tag. Einmarsch der Franzosen vormittags. Heute sind es gerade 3 ½ Jahre, dass sie feindlich einzogen. Am 13. November 1805 kamen wir in ihre Macht, da genossen sie den rauen Herbst, nun empfinden sie den lieblichen Frühling. Heute vor einem Jahr spielten wir beim Nitschner das Quodlibet zum Namensfest der Oberstin Wachter von Wachtersberg. Nun sollen wir noch 20 Mllionen zahlen. Vor und auch nach Mittag wurde bei uns alles rangiert und geordnet. Beim Janitz im 3. Stock, bei Eckhard am Graben alle Möbel von Haubitzen zerschmettert, und Rohrweck, dessen Quartier, es ist gewölbt, einzustürzen droht, hat beinahe alles verloren. Er zieht zum LaRoche in sein Haus. Ich trug ihm des Grafen Wohnung an. Der redliche Mann dauert mich außerordentlich. Schon gestern abends wurden die Tore geöffnet und heute früh auch das beim Roten Turm. Früh kamen schon Franzosen, und nach 10 h kamen sie bei mehreren Toren regimenter-, auch kompanienweise in die Stadt und besetzten mit unseren Bürgern die Wachtposten. Beim Fürsten ist der Herzog von Istrien, Marschall Bessières wieder, beim Grafen Divisionsgeneral Claparède, beim Keglevics Divisionsgeneral Graf Dorsenne einquartiert . Ich war eben bei Wiesinger, als Hausinspektor Schwabe mir eine Menge Prätensionen machte, die Scheich nicht den Mut hatte, abzuschlagen und die ich mit Bestimmtheit versagte. Peter mit Jungmann waren bei uns, zusammen besuchten wir die Karilla, die sich ziemlich gut befindet. Heute kamen die Vorstädter herein und kümmerten sich um unser Schicksal. Im Lerchenfeld haben die Franzosen sehr geplündert, mehrere Inwohner verwundet und getötet. Mittags allein, nach Mittag in die kaiserlichen Ställe. Ich dachte mir den Schaden grösser, Albert vom Fürst und Porz (?) waren mit mir. Wir sahen den Platz, wo die zerstörenden 6 Haubitzen standen und hörten, dass heute auch die Bombenkessel und schwere Artillerie ankamen und wir diese Nacht noch weit schlimmer bedient worden wären. Ohnehin brennt es schon seit 2 Tagen, weil es an zu vielen Orten brannte. Pálffy mag ½ Million Schaden haben. Die Häuser am Anfange der Laimgrube, das Gardehaus und Nachbarschaft haben sehr gelitten. Viel Inwohner wurden verwundet oder getötet. Die Steinmetzhütte vor dem Kärntnertor brannte ab. Abends zu Peter, dessen Gärtchen sich in einigen Tagen recht schön grünte, blieb eine Stunde, dann nach Haus. In der Leopoldstadt wimmelt es von Franzosen und auch deutschen Truppen. Über dem Prater sah man eine furchtbare Röte, man sagt, Korneuburg brenne. Die Franzosen sollen schon in Preßburg sein. Ich ging mit Umlauf und Goldmann in der Stadt herum. Die Muhme Tischlerin holte ihre aufbewahrten (?) Sachen ab und klagte, dass ihr Sohn bei der Landwehr hier gefangen worden sei. Ganz entkräftet legte ich mich um 9 h ins Bett. Band 06 (VI.), Seite 218v  
4303 1809 MAY 14 Ein heisser Tag, unerträglicher Staub. Noch brennt es bei Pálffy, Stöger, Trattner und im Judenhaus. Heute ist wieder Theater, vier Tage waren selbe geschlossen. Im Burgtheater „Entführung aus dem Serail - L‘ Enlèvement du Serail“, Karntnertor-Theater geschlossen, im Theater an der Wien „Der lustige Schuster - Le Cordonnier gaillard“, musique de M. Paër, im Leopoldstädter Theater „Schöne Melusine“. Vor Mittag bis 11 h schrieb ich, auch meiner Mutter, dann sprach ich Meitrath (?), schlenderte herum, mittags allein. Daru ist hier, führt die Regierung. Marschall Masséna, Herzog von Rivoli, wohnt bei Lobkowitz, Andreossi, Reichsgraf und Generalgouverneur, erließ mittels Magistratskundmachung den Befehl, Waffen aller Art binnen 6 Stunden in das bürgerl[iche] Zeughaus abzuliefern, bei Strafe des Erschießens. Französisch und deutsch wurde folgender Befehl angeschlagen: „Soldaten ! Ein Monat, nachdem der Feind den Inn überschritten hat, den nämlichen Tag, in der selben Stunde, sind wir in Wien eingezogen. Seine Landwehren, sein Landsturm, seine Wälle, aufgeworfen durch die ohnmächtige Wut der Prinzen des Hauses Lothringen, haben Eure Blicke nicht ausgehalten. Die Prinzen dieses Hauses haben ihre Hauptstadt verlassen, nicht wie Männer von Ehre, welche den Umständen und dem Wechsel des Krieges nachgeben, nein !, wie Meineidige, welche von ihren eigenen Gewissensbissen gejagt werden. Indem sie Wien mit dem Rücken ansehen, spricht sich ihr Abschied an die Einwohner mit Mord und Brand aus. Wie Medea haben sie mit eigenen Händen ihre Kinder ermordet. Soldaten ! Das Volk von Wien ist nach der einstimmigen Aussage der Deputationen seiner Vorstädte, verlassen, hilflos, preisgegeben jeden Ereignissen. Es erhält dadurch auch allen Anspruch auf Eure Schonung. Ich nehme deine gutmütigen Bewohner unter meinen besonderen Schutz. Was die Unruhestifter und Aufwiegler betrifft, diesen soll ihr Lohn nach der strengsten Gerechtigkeit werden. Soldaten ! Lasst uns mitleidig sein gegen die armen Bauern, gegen das gute Volk, das in so mancher Rücksicht unsere Achtung verdient, legt jeden Stolz ab, der sich nur auf neue Siege gründet. Wir wollen in denselben nichts sehen, als den unumstösslichen Beweis der göttlichen Gerechtigkeit, welche den Undank und den Meineid unausbleiblich straft. Im kaiserlichen Quartier zu Schönbrunn, am 13. Mai 1809. Napoleon m p.; auf Befehl des Kaisers der Fürst von Neuchatel, Major-General der Armee, Alexander Berthier m. p. Nach Mittag zu Hause. Ich besuchte Peter, Therese ging mit der Goldmann Josephine zu Reimann, ihnen geschah gar nichts. Auf dem Glacis sind Franzosen gelagert. Peter hatte 3 Offiziere des 56. Regiments, die Czaczek, Geissler mit dem Fiala (?), später Jungmann waren die Gesellschaft. Alles verlor sich nach und nach, und wir Männer waren allein. Die Leopoldstadt strotzt von Franzosen, Bayern und Hessen. Im Prater ist ein großes Lager, alle Hütten und Salettln haben sie, so wie den Circus de Bach aufgesprengt, sich hinein gelagert, viel Möbel und Geschirr zerschlagen, alle Tische, Bänke und Stühle zerschlagen und verbrannt. Die Hirschen schießen sie zusammen. Noch muss man durch den aufgeworfenen Schanzgraben in den so verwüsteten Prater gehen. Beim Lusthaus haben die Franzosen eine Schiffbrükke geschlagen. Auf dem St. Stephansplatz wimmelt es von Franzosen. Es sind schöne Leute, meistens Grenadiers. Sie bivakieren da und benutzen die Kirchentreppen zu ihren Dächern, indem sie selbe über ihre Schranken legen. Musik, Tanz, Essen und Trinken versammelt immer eine Menge Menschen um sie. Dahin musste es kommen ! Unser schönes Wien von unseren Prinzen so ruiniert ! Wie sehr wird unser Wohlstand sinken ! Der heutige Tagesbefehl tat mir sehr weh. Unsere Stunde hat geschlagen. Um 9 h ins Bett; ich fühle mich sehr entkräftet und wirklich lebensmatt. Band 06 (VI.), Seite 219r  
4304 1809 MAY 15 Ein warmer Tag, erstickender Staub. Im Théâtre de la Porte d‘ Italie „Le Gentilhomme Compagnon dans la Capitale“. Théâtre sur le Quai de la Vienne, Fauxbourg hors de la Porte de l‘ Italie „Roc Pumpernickel“, farce de trois actes, melée des ariettes. Leopoldstädter Theater „Deserteur“, „Fée radiante“. Früh arbeitete ich, dann ins Cavrianische und fürstliche Haus. Der General Claparéde ist ein erschrecklicher Hitzkopf. Marschall Lannes wohnt beim Albert. Beim Bessières wohnt auch der der Marschall (?) Montbrun. Gestern speisten an mehreren Tafeln 85 Köpfe, dann sind extra im Roten Haus 70 bis 80 Mann und 60 Pferde zu versorgen. Giáy ging nach Eisenstadt und nahm den Brief an meine Mutter mit. Therese lehrte die Rothe und ging dann zu Stöger und Rivolla. Ich besuchte Quarin, der eben den ersten Arzt aller Leibgarden Larrey (?) erwartete, welcher auch kam, ihm seinen Besuch zu machen und lange blieb. Dies schien den sehr gebeugten Mann etwas zu beruhigen. Er sagte, bei Napoleon sei eine ungarische Deputation gewesen. Mit Quarin fuhr ich herum, dann zum Speisen, mit Therese allein. Nach Mittag schrieb und sandte ich Quarin Napoleons gestrigen Tagesbefehl, später baden rechts über der Schlagbrücke und mit Therese und Goldmann zum Peter in die Schmelz gratulieren. In der Stadt sieht man außer Generalität und Offiziers wenig Franzosen. Sehr viele sind in der Leopoldstadt, in manchem Haus 40, 50, auch mehr Soldaten, ebenso in der Landstraße. Die anderen Vorstädte sind glücklich und frei. Heute ist der Brief angeschlagen, welchen der Kriegsminister Alexander Berthier, Herzog von Neuchatel, an den Ehz. Maximilian unterm 10. schrieb und durch den Richter von Matzleinsdorf sandte, welcher mit mehreren anderen Bürgern der Vorstädte beim Napoleon war und um Schonung der Person und des Eigentums bat, welches ihnen auch zugestanden wurde. General O’Reilly schrieb, dass Se. König[liche]. Hoheit, da ihm dieser Brief nicht nach Kriegsgebrauch zugekommen ist, denselben durch denselben Mann zurückzuschicken befohlen habe. In Berthiers Brief war, dass Maximilian als Stadtkommandant so brave Bürger durch Übergabe erhalten möge und, da sich Wien nicht halten kann, wegen so kurzer Verzögerung eine der schönsten Städte Europas nicht dem Unglück und den Schrecknissen eines Bobardements und der Verheerung preisgeben möchte, denn in 36 Stunden würde sie ein Schutthaufen sein. Auf der Glacis und am St. Stephansplatz bivakieren die Franzosen, im Prater ist ihr Lager, wo auch etwas Artillerie und Kavallerie ist. In der Stadt ist keine Kavallerie. In Nussdorf, welches geplündert wurde, konnten sie den Übergang über die Donau noch nicht forcieren; sie sollen schon über 2000 Mann verloren haben. Um 8 h nach Haus und ins Bett. Band 06 (VI.), Seite 219v  
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